Der Schwangerschaftstest lag auf dem Tisch, meine Schwägerin, meine Freundin und ich drumherum.
„Mats wird sich soooooo freuen“, schwärmte meine Freundin. „Nein, wird er nicht …“, platzten meine Schwägerin und ich gleichzeitig heraus.
„Wie?? Er ist doch so ein begeisterungsfähiger Mensch und immer so gut drauf.“
Ja, das ist er. Wenn es um Spaß geht. Aber nicht, wenn es um das wahre Leben geht. Ich sage manchmal, er hat das Peter-Pan-Syndrom. Er will einfach nicht erwachsen werden.
In vielen TikToks oder auf Instagram hat man ja oft solche Announcements gesehen, wie der Vater mit dem positiven Schwangerschaftstest überrascht wird. Viele waren nett anzusehen – bei einem hört der Spaß auf, als der Test in einem Eis versteckt wurde und der werdende, unwissende Vater diesen vollgepinkelten Test ablutscht. Wow.
Ich wollte auch so einen Magic Moment schaffen, nur nicht mit einem Eis. Also rannten wir wie die Hühner wieder raus und suchten den nächsten Dekoladen und ein drittes Mal den Drogeriemarkt auf. Es war wieder dieselbe Verkäuferin wie vor einer Stunde und sie schmunzelte, als sie die Schnuller, die ich für eine Überraschungsbox für Mats ausgesucht hatte, über das Band zog.
Ich holte eine Karte – auf die schrieb ich, dass er nun stark sein musste und ich genauso überrascht bin wie er es bestimmt ist, aber wir das irgendwie hinbekommen.
Ich weiß, es klingt, als wären wir 14 und Teeneltern geworden und es sind bestimmt auch unfaire Gedanken anderen gegenüber, wo es nicht so klappt wie gewünscht.
Aber so fühlt es sich manchmal eben an, ein Mensch zu sein: irrational und dumm.
Nachdem ich irgendwie den Tag mit den Mädels herumgebracht hatte – wie gesagt, ich konnte mich kaum konzentrieren, ich war eher wie ein Geist, der neben mir her floatete – musste ich die Nacht überstehen.
Ich schlafe eh nie gerne alleine und auch nicht so gut. Aber diese Nacht kreisten meine Gedanken nur um diesen einen Moment, wie Mats wohl reagieren würde, wenn er diese kleine Box öffnen würde und dort etwas rosa und blaues Konfetti, eine Karte, einen Schnuller und den Test vorfinden würde.
Das kann doch alles nicht wahr sein. Ich würde sagen, ich habe gar nicht geschlafen. Kennt ihr diesen Dämmerschlaf – wo man irgendwie wach ist, aber irgendwie auch nicht? Also der Körper sich offensichtlich nicht entscheiden kann, ob er wach sein soll oder schlafen soll.
So ging es die ganze Nacht.
Am nächsten Tag schrieb ich Mats direkt morgens, dass ich zum Frühstück zu seinen Eltern vorbeikommen würde.
Er war den Abend davor mit seinen Jungs in seiner Heimatstadt unterwegs und hatte gleich in seinem Elternhaus übernachtet.
Ich machte mich auf den Weg. Auch diese Autofahrt erledigte ich wie in Trance. Als ich ankam, saß Mats mit seiner Mutter am Frühstückstisch. Sie freute sich über meinen Besuch und erzählte und erzählte und ich lächelte, wenn ich dachte, dass es was zu lächeln gibt und nickte, wenn ich dachte, dass es was zu nicken gibt.
Ich zwang mein versteinertes Gesicht, sich zu bewegen.
Irgendwie musste ich Mats alleine erwischen, und so ging ich rauf in sein altes Kinderzimmer, blieb da einige Minuten und rief ihn dann.
Ich sah vor meinem inneren Auge, wie er mit den Augen rollte, aber sich dennoch nach oben aufmachte.
Als er den Türrahmen betrat, sah er die Box in meiner Hand und das Leben wich aus seinem Gesicht.
„Nein, nein, nein … was ist das?“
Er öffnete die Box langsam, als würde er befürchten, dass sie explodiert.
„Nein, nein … wir sind zu jung … nein, das war so nicht geplant – nein … Das kann nicht wahr sein. Das passt doch überhaupt nicht in unsere Pläne.“
„Ich bin auch überfordert.“
„Wie lange weißt du das schon?“
„Seit gestern“, gestand ich. „Ich wollte es dir gleich sagen, aber ich musste erst selbst damit klarkommen.“
Mats weinte, aber eher aus Überforderung. „Wir müssen es meinen Eltern sagen.“
Er taumelte nach unten in die Küche. Sein Vater saß mittlerweile auch am Frühstückstisch. Seine Mutter schaute ihn entsetzt an. „Was ist mit dir denn?!“
Er hielt sich theatralisch an der Küchenzeile fest und gab ihr die Box in die Hand. Sie öffnete sie und schaute ihn an. „Bist du bekloppt? So hab ich dich nicht erzogen! Das ist doch wundervoll! Wir dürfen uns doch freuen, oder nicht?“
Ich nickte – mittlerweile war ich gefasster.
Sein Vater stand auf und umarmte mich freudig – seine Mutter auch – gleichzeitig mit Entsetzen über ihren Sohn.
„Ich muss das Golfen absagen“, und dann saß er da am Tisch mit Hundeblick und völlig überfordert.
Das war mein Magic Moment #2.
Vielleicht hätte ich ihn einfach den Test in einem Eis erschlecken lassen sollen.